Herr Gosch sieht.

Ich gehe selten los, um etwas Bestimmtes zu fotografieren.

Die meisten Bilder entstehen nicht aus einem Plan. Sie entstehen auch nicht aus einer Liste von Motiven, die ich noch fotografieren möchte.

Fotografische Notizen

Ich gehe los.

Ich beobachte.

Und irgendwann hält mich etwas an.

Eine Person. Ein Schatten. Ein Aufkleber. Eine Oberfläche. Eine Situation.

Was es ist, scheint oft zweitrangig zu sein.

Etwas bindet meine Aufmerksamkeit.

Der Blick

Über viele Jahre habe ich versucht zu verstehen, warum ich bestimmte Bilder mache und andere nicht.

Eine eindeutige Antwort habe ich bis heute nicht gefunden.

Ich habe jedoch gelernt, dieser Aufmerksamkeit zu vertrauen.

Oft weiß ich während der Aufnahme selbst nicht genau, warum ich stehen geblieben bin.

Viele Bilder entstehen lange bevor ich sie verstehe.

Die Motive wechseln.

Der Blick bleibt.

Wahrnehmung

Hallo!

Erst später fällt mir manchmal auf, was im Bild eigentlich passiert.

Ein Detail im Hintergrund.

Eine Beziehung zwischen Formen.

Eine Bildstimmung.

Eine Spannung im Raum.

Menschen sprechen dann von Komposition oder bewusster Gestaltung.

Und oft muss ich zugeben:

So bewusst war das in diesem Moment gar nicht.

Heute glaube ich, dass meine Wahrnehmung häufig ganzheitlicher arbeitet, als ich sie während der Aufnahme bewusst erfassen kann.

Ich vertraue darauf, dass mein Blick Dinge aufnimmt, die sich erst später zeigen.

Ich sehe zuerst.

Ich verstehe später.

Beobachten

Ich fotografiere nicht, um Motive zu sammeln.

Ich fotografiere, weil ich gerne beobachte.

Mich interessieren Situationen, bevor sie ihren Höhepunkt erreichen.

Momente kurz vor einer Bewegung.

Blicke.

Gesten.

Kleine Verschiebungen.

Manchmal habe ich das Gefühl, eine Situation bereits lesen zu können, bevor sie sichtbar wird.

Dann warte ich.

Und wenn der Moment kommt, fotografiere ich.

Orte

Seit mehr als dreißig Jahren entstehen diese Notizen an sehr unterschiedlichen Orten.

Köpenick. Spiekeroog. London. Hamburg.Singapur. Bangkok. Nova Scotia. Die Straße vor der eigenen Haustür.

Die Orte wechseln. Die Aufmerksamkeit bleibt.

Was bleibt

Ich interessiere mich weniger für das Spektakuläre, als für das Vorhandene.

Für Spuren.

Für Fragmente.

Für Übergänge.

Für Dinge, an denen andere vielleicht vorbeigehen würden.

Viele dieser Beobachtungen werden später zu Bildserien, Zines oder Publikationen.

Die meisten beginnen auf dieselbe Weise:

Etwas hat mich angehalten.

Herr Gosch – Uninszeniert.

“Ich fotografiere die Welt, wenn sie nicht für mich posiert.”

Ehemaliger Kunde